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Hybride Kriegsführung erreicht den Orbit
cepNews
Seit dem 16. Oktober fliegt der russische Militärsatellit Kosmos 2612 in enger Formation mit ICEYE-X36, einem Radarsatelliten mit synthetischer Apertur (SAR), den der US-amerikanische Ableger des finnischen Unternehmens ICEYE betreibt. Der Astrophysiker Jonathan McDowell wertet neue Bahndaten aus, die zeigen, dass Kosmos 2612 nach einem Manöver am 16. Oktober seine Position in einem Abstand von höchstens fünf Kilometern hält. Dies scheint somit das erste Rendezvous zweier aktiver Satelliten im niedrigen Erdorbit ohne Zustimmung eines der beiden Betreiber zu sein. Satelliten-Experte Marco Langbroek von der Delft University of Technology hielt in der Nacht zum 18. Oktober sogar eine Annäherung auf wenige Meter für möglich, wobei sich genaue Werte mit öffentlichen Daten kaum ermitteln lassen. Eine öffentliche Bestätigung, dass Kosmos 2612 versucht hat, ICEYE-X36 zu stören, gibt es bislang nicht. Anselm Küsters, Experte für Digitalisierung am cep, ordnet den Vorgang ein.
Vom Meeresgrund in den Orbit
Ein Zufall lässt sich mit den vorhandenen öffentlichen Daten inzwischen ausschließen. Kosmos 2612 startete im April 2026 zusammen mit fünf weiteren Militärsatelliten an Bord einer Sojus vom Kosmodrom Plessezk. Laut CSIS brachten sich fünf Satelliten dieses Starts bereits im Mai in die Bahnebene von ICEYE-X36. ICEYE wich damals aus, die russischen Satelliten zogen nach. Seit dem 30. September folgte eine zweite Serie dokumentierter Manöver, die darauf abzielten, die Bahnhöhe und die Umlaufzeit beider Objekte zu synchronisieren.
Das Muster ist aus der Ostsee bekannt. Im Dezember 2024 beschädigte der Tanker „Eagle S” mit seinem schleifenden Anker das Stromkabel Estlink 2 zwischen Finnland und Estland. Danach stritten Juristen und Regierungen monatelang über Absicht und Zuständigkeit. Dieselbe Struktur findet sich jetzt im Orbit: eine Handlung unterhalb der Schwelle eines Angriffs, die technisch zwar erklärbar, juristisch jedoch kaum greifbar ist. Ein ukrainischer Regierungsvertreter bestätigte gegenüber Axios die Zusammenarbeit mit ICEYE, ließ aber offen, ob speziell ICEYE-X36 die Ukraine unterstützt.
Anselm Küsters, wissenschaftlicher Direktor des cep Nordische Länder, kommentiert: „Nach Unterseekabeln und kritischer digitaler Infrastruktur am Boden erreicht die hybride Kriegsführung nun den Weltraum. Russland testet, wie weit es gehen kann, solange niemand zweifelsfrei sagen kann, wer was getan hat. Die Uneindeutigkeit ist dabei das eigentliche Instrument.”
Shahed im Orbit: Die Ökonomie der Asymmetrie
Der Krieg in der Ukraine und im Nahen Osten ist durch die Asymmetrie zwischen günstigen Angriffsmöglichkeiten und teuren Verteidigungsoptionen in der Luftverteidigung geprägt. So kostet eine Shahed-Drohne nur einen Bruchteil dessen, was der Einsatz eines Patriot-Systems kostet. Im Orbit wiederholt sich nun diese Asymmetrie. Denn Kosmos 2612 benötigt weder Störsender noch Laser oder Projektile, um Kosten zu verursachen; es genügen Treibstoff und Geduld. Jedes Ausweichmanöver verbraucht den knappen Vorrat des Zielsatelliten und verkürzt damit dessen Lebensdauer. Diesen Mechanismus hatte Generalmajor Michael Traut, Kommandeur des Weltraumkommandos der Bundeswehr, bereits nach den Vorfällen im Mai skizziert. Gegenüber Reuters beschrieb er ein Szenario, in dem sich auch große Netze wie Elon Musks Starlink unter Druck setzen ließen, ohne Tausende Satelliten anzugreifen. Dass sich die Bahnebenen von Kosmos 2611 und Kosmos 2613 zugleich einem weiteren ICEYE-Satelliten, X37, annähern, deutet auf ein skalierbares Verfahren hin.
Anselm Küsters erläutert: „Bei den Shahed-Drohnen zahlt der Verteidiger mit Abfangraketen, im Orbit zahlt er mit Treibstoff und verpassten Bildern, die eigentlich hätten aufgenommen werden sollen. Ein günstiger Verfolger kann einen hochwertigen Aufklärungssatelliten binden, ohne ihn je zu berühren.” Im Gegensatz zur Abfangdrohne gibt es im Weltall allerdings keine einfache Gegenwehr. Notwendig wäre vermutlich ein Antisatellitenangriff, dessen Trümmerwolke dann alle Betreiber gefährden würde.
Was der EU Space Act nicht regelt
Was sagt die Regulatorik zu einer solchen Situation? Die Europäische Kommission hat ihren EU Space Act am 25. Juni 2025 vorgelegt. Der Entwurf soll explizit nicht für den Verteidigungssektor gelten. Zur Kollisionsvermeidung setzt er auf Verkehrsregeln und technische Anforderungen an die Manövrierfähigkeit von Weltraumobjekten. Doch diese Sicherheitslogik unterstellt, dass alle Betreiber Zusammenstöße vermeiden wollen. Kosmos 2612 zeigt jedoch das Gegenteil. Da das Gesetzgebungsverfahren noch offen ist, könnten zwar Anpassungen aufgenommen werden. Aber Russland würden die Regeln nicht binden.
Auch völkerrechtlich bleibt der Raum dünn reguliert. Der Weltraumvertrag verlangt in Artikel IX lediglich Konsultationen bei möglichen schädlichen Beeinträchtigungen, vereinbarte Mindestabstände existieren jedoch nicht. Zwar hat die NATO 2021 erklärt, dass Angriffe im, aus dem oder in den Weltraum Artikel 5 auslösen können, doch eine bloße Annäherung erfüllt mutmaßlich keinen dieser Tatbestände. Anselm Küsters resümiert: „Der Space Act regelt Weltraummüll und Verkehrsregeln, aber nicht den Fall, dass sich jemand absichtlich nähert. Kommerzielle Satelliten sind faktisch Teil der europäischen Sicherheitsarchitektur geworden. Wer sie schützt, ist bislang ungeklärt. Diese Lücke wird gerade sehr gezielt ausgelotet.”
Fazit und Ausblick
Ob Kosmos 2612 nur eine hybride Fähigkeit demonstrieren soll oder weitere Pläne verfolgt, werden die nächsten Tage zeigen. Unabhängig davon ist ein Präzedenzfall geschaffen. Die Grauzone, die Europa an Kabeln und Pipelines kennt, reicht nun bis in den Orbit. Aus ordnungsökonomischer Sicht ist der erdnahe Orbit ein Gemeingut, dessen Nutzung verlässliche Regeln voraussetzt. Wer diese bewusst unterläuft, verschiebt die Kosten auf alle anderen Nutzer. Für die EU ergeben sich daraus drei Aufgaben: (1) den Space Act im laufenden Verfahren um eine Sicherheitsdimension, insbesondere für nicht abgestimmte Annäherungen, ergänzen, statt diese vollständig an die Verteidigungspolitik zu delegieren, (2) Fähigkeiten zur Weltraumlageerfassung ausbauen, und (3) eine gezielte Schutzdoktrin für kommerzielle Satelliten mit Sicherheitsfunktion entwickeln.