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Europäischer Arktis-Gipfel in Rovaniemi: Strategische Souveränität beginnt bei kleinen Chokepoints
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Vom 13. bis 14. September empfängt der finnische Ministerpräsident Petteri Orpo in Rovaniemi, Nordfinnland, zahlreiche europäische Staats- und Regierungschefs zum Europäischen Arktis-Gipfel. Erwartet werden unter anderem Bundeskanzler Friedrich Merz, Polens Ministerpräsident Donald Tusk und die Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, Kaja Kallas. Am Sonntag, dem 13. September, kommen die Teilnehmer zudem mit Finnlands Präsident Alexander Stubb zu einem Arbeitsessen zusammen. Ziel des Gipfels ist eine stärkere gemeinsame strategische Ausrichtung der EU in der Arktis, deren geopolitische Bedeutung rasant wächst. Es ist bereits das zweite Treffen dieser Art nach dem Nord-Süd-Gipfel in Saariselkä im Dezember 2024.
Anselm Küsters, wissenschaftlicher Direktor von cep Nordic Countries in Helsinki, ordnet in einer neuen Analyse ein, was Europa von Finnlands Eisbrechern lernen kann.
Keine „Region geringer Spannungen” mehr
Der Gipfel findet vor einem äußerst dynamischen Hintergrund statt. Angesichts des steigenden Klimawandels und geopolitischer Spannungen in der Straße von Hormus wächst die wirtschaftliche Bedeutung der Nordostpassage. Für 2026 werden auf der Nördlichen Seeroute erstmals mehr als 40 Millionen Tonnen Fracht erwartet, was vor allem am ausgebauten Handel zwischen Russland und China liegt. Zudem hat China im August erstmals einen Liniencontainerdienst durch die Arktis gestartet. Schließlich steht die EU-Arktispolitik selbst vor einer Neuaufstellung: Die Kommission möchte noch in diesem Herbst eine aktualisierte Arktis-Strategie vorlegen, in der Sicherheit erstmals eine zentrale Rolle spielen soll. Kaja Kallas hatte bereits Anfang des Jahres auf der Arctic-Frontiers-Konferenz in Tromsø dafür geworben und erklärt, die Arktis benötige mehr Aufmerksamkeit, mehr Ressourcen und mehr „hard power“. Der Gipfel in Rovaniemi dürfte somit auch als Generalprobe für die neue Strategie betrachtet werden.
Was Finnlands Eisbrecher Europa lehren können
Finnland bringt eine einzigartige Perspektive in diese Debatte ein: Über 95 Prozent des finnischen Warenaußenhandels laufen über die See und die Häfen frieren nahezu jeden Winter zu. Aus dieser strukturellen Besonderheit ist eine Exportstärke im Bereich der Eisbrecher entstanden: Finnische Unternehmen haben rund 80 Prozent aller Eisbrecher weltweit entworfen und etwa 60 Prozent gebaut; selbst die US-Küstenwache lässt die ersten Exemplare ihrer neuen Arctic Security Cutter in Finnland bauen, weil die heimische Alternative den Zeitplan nicht halten konnte. Dass dieser Hebel auch geopolitisch genutzt werden kann, wurde bereits erfolgreich getestet. Ende September 2022 verweigerte das finnische Außenministerium die Exportlizenz für einen vom russischen Bergbaukonzern Norilsk Nickel bestellten LNG-Eisbrecher und beendete damit ein Projekt, das rund 2.100 Personenjahre Beschäftigung geschaffen hätte.
Der finnische Staat besitzt die Werft nicht – sie ist privat und inzwischen in kanadischer Hand –, kontrolliert aber Nachfrage und Regeln. Die Beschaffung erfolgt über die Verkehrsinfrastrukturbehörde und die Finanzierung vorrangig über Fairway-Abgaben. Die Instrumente der EU für wirtschaftliche Sicherheit, von der Investitionsprüfung bis zum Dependency Mapping, messen insbesondere Handelsanteile. Moderne Chokepoints, so zeigen die finnischen Eisbrecher, können aber auch in subtileren Kategorien bestehen.
Anselm Küsters kommentiert: „Wenn die EU-Staats- und Regierungschefs in Rovaniemi über die Arktis beraten, sollten sie den Blick von der Tagesordnung auf die Werften Helsinkis richten. Europas Souveränität entscheidet sich nicht unbedingt in teuren Chipfabriken und KI-Gigafactories, die es auch andernorts gibt, sondern gerade bei unscheinbaren Fähigkeiten, deren Ersatz Jahre dauern würde.“
Die vollständige Analyse ist auf Common Ground of Europe erschienen.