Presseinformation 34/2026
Datengestützte cep-Studie: Wie denkt Peking über militärische KI?
Berlin/Paris/Helsinki. Chinas Streben nach „intelligenter Kriegsführung” ist zu einem zentralen Sicherheitsanliegen der NATO-Mitgliedstaaten geworden. Welche Anwendungen Peking dabei priorisiert, mit welcher Absicht es darüber kommuniziert und wie die NATO antworten könnte, hat das Centrum für Europäische Politik (cep) in einer neuen Studie erstmals systematisch untersucht.
Für die Studie, die im Auftrag des NATO Defence College erstellt wurde, werteten die Forscher des cep chinesische Dokumentbestände aus den Jahren 2000 bis 2025 aus. Darunter fallen Rechts- und Strategietexte, chinesische KI-Forschungsveröffentlichungen, die Berichterstattung staatlicher Medien sowie Beschaffungs- und Rüstungsindustrieverträge der Volksbefreiungsarmee. Methodisch kombiniert die Untersuchung eine Klassifizierung von KI- und Militärkonzepten durch große Sprachmodelle mit einer ebenfalls computergestützten Sentiment-Analyse.
Die Auswertung staatlicher chinesischer Medien zeigt eine hohe positive Stimmung gegenüber Themen, die militärische KI beinhalten. „Die wachsende mediale Bedeutung des Themas ‚KI und Militär‘ und der positive Ton ab 2023 gehen Hand in Hand. Zusammengenommen deutet dies auf eine bewusst optimistische Kommunikationsstrategie hin“, sagt cep-KI-Experte Anselm Küsters.
Überwachung ist die dominierende Anwendung militärischer KI in China, wie die LLM-basierte Klassifizierung von KI- und Militärkonzepten empirisch nachweist. Marius Strubenhoff, Außen- und Sicherheitsexperte beim cep, erklärt: „Im Rahmen der chinesischen Doktrin der ‚dissipativen Kriegsführung‘ handelt es sich bei digitalen Überwachungsfähigkeiten zugleich um offensive Mittel, die überraschende Angriffe und verkürzte Entscheidungszyklen ermöglichen.“ Die Doktrin zielt dabei nicht auf die klassische materielle Abnutzung des Gegners, sondern darauf, Unordnung im System des Gegners zu erzeugen und das eigene System zu stabilisieren.
Die Studienautoren fordern als Antwort eine Mischung aus Anpassungsmaßnahmen, Diplomatie und Kontrolle. Vorrangig sollte die NATO in Forschung zur Widerstandsfähigkeit investieren, um KI-Systeme zu entwickeln, die gegenüber sogenannter Datenvergiftung und Angriffen auf militärische Entscheidungssysteme standhalten können. Diplomatisch sollte die chinesisch-amerikanische Verständigung von November 2024 ausgebaut werden. Damals hielten die USA und China fest, dass die Entscheidung über den Einsatz von Atomwaffen stets unter menschlicher Kontrolle bleiben muss. Diese Grundsatzklärung sollte durch vereinbarte Definitionen ergänzt werden, die festlegen, welche KI-Anwendungen in der nuklearen Infrastruktur zulässig sind – etwa Sicherheitsanalysen und Anomalie-Erkennung – und welche nicht.
Das bilaterale Treffen von US-Präsident Donald Trump und Präsident der Volksrepublik China Xi Jinping am 24. September 2026 hatte das Thema Kooperation bei KI auf der Agenda. Beide Seiten einigten sich darauf, einen gemeinsamen KI-Dialog einzuleiten, der im November dieses Jahres zum ersten Mal stattfinden wird. Außerdem vereinbarten sie die Einrichtung einer Hotline für KI-Vorfälle. Das Dialogformat wird ein wichtiges Forum sein, um weitere Maßnahmen zum Aufbau gegenseitigen Vertrauens zu erörtern. Ziel müsse zudem sein, so die cep-Forscher, solche Verpflichtungen auf weitere Atomwaffenstaaten auszuweiten.
„Trotz der umfangreichen zivilen KI-Forschung legt die enge Kontrolle des chinesischen Staates über den öffentlichen Diskurs nahe, dass die Überwachung frei zugänglicher Quellen allein keine Grundlage für eine Verifizierung strategischer Absichten bieten kann“, mahnen Küsters und Strubenhoff. Wirksame Kontrolle und Abkommen erforderten daher technische Maßnahmen, wie etwa gemeinsame Standards für die Dokumentation von KI-Systemen sowie kryptografische On-Chip-Kontrollmechanismen. Mit letzteren sind Sicherheitsfunktionen gemeint, die vom Hersteller fest in den Chip selbst eingebaut werden, sodass dieser eigenständig und manipulationssicher bezeugt, wo er sich befindet und wofür er eingesetzt wird.