Wirtschafts- & Fiskalpolitik
Brüssel und Berlin: Wettbewerbsfähigkeit systemisch denken
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In Brüssel und Berlin tagt die Politik aktuell zu der Frage, wie Wettbewerbsfähigkeit und Souveränität unter den Bedingungen technologischer Umbrüche und geopolitischer Rivalität zurückgewonnen werden können. Der technologische Rückstand und die geopolitische Abhängigkeit haben in den vergangenen Jahren strukturell weiter zugenommen. Daran wird sich auch nichts ändern, solange die Politik nicht bereit ist, in systemischen Kategorien zu handeln. Die Zukunft findet in neuen Technologien und Infrastrukturen statt, die eigenständige Systeme bilden. Die Dekarbonisierung ist ebenso wenig mit dem Ausbau erneuerbarer Energien getan, wie die Digitalisierung mit der Bereitstellung von Breitband oder die E-Mobilität mit dem Einbau von Batterien. Es geht um völlig neue Systeme von Wertschöpfung und Innovation. Genau hier muss die Politik ansetzen und sich an vier Prinzipien orientieren:
In Systemen denken
Die Politik denkt angesichts wachsender Verwundbarkeit durch Krisen zunehmend in Resilienz. Dieser Gedanke ist naheliegend, aber irreführend. Wettbewerbsfähigkeit und Souveränität lassen sich nicht in den heute bestehenden Strukturen wiederherstellen. Technologien sind nicht eigenständig produktiv, sondern in dem System, in dem sie genutzt werden. Systeme sind nicht vollständig kompatibel untereinander. Ein systemischer Übergang ist notwendig mit erheblichen Friktionen, insbesondere mit der Überwindung von Pfadabhängigkeiten verbunden. Das 21. Jahrhundert ist ein Zeitalter neuer, komplementärer Technologien und Infrastrukturen. Die USA und China entwickeln und bauen sie.
Disruption zulassen
Strukturelle Disruption ist ein unvermeidbares Phänomen von Systemübergängen. Der Begriff der Transformation ist daher irreführend, weil er suggeriert, man könne das bereits Bestehende in etwas völlig Neues überführen. Die Unternehmen der Zukunft sind nicht die transformierten Unternehmen der Vergangenheit; sie entstehen heute. Neue Unternehmen sind wesentliche Vehikel des systemischen und organisationalen Wandels. Disruptive Innovationen neuer Unternehmen finden heute vor allem in den USA und China statt.
Komplexität reduzieren
Systeme sind komplex. Der Versuch der Politik, auf regulatorischem Weg systemische Veränderungen zu erzwingen, muss scheitern. Dieses Scheitern ist heute offensichtlich geworden. Der Übergang von einem komplexen System in ein neues erfordert auf der makroökonomischen Ebene nicht nur Koordination, sondern auf der mikroökonomischen Ebene größtmögliche Flexibilität. Das gilt gerade in einer wettbewerblich organisierten Marktwirtschaft, in der Entscheidungen dezentral getroffen werden. In den USA und China können Zukunftsentscheidungen wesentlich einfacher getroffen werden.
Risikoneigung stärken
Das Wissen über die Zukunft entsteht notwendig erst im Entstehen. Auf Sicht zu fahren, um Risiken auszuweichen, führt daher lediglich zu einer Verlangsamung, aber nicht zu mehr Innovation oder Sicherheit. In den USA wird marktnahe Forschung mit privatem Risikokapital betrieben, in China mit staatlicher Risikoübernahme. So gelangen viel höhere Investitionen in Zukunftstechnologien. Für Europa gibt es keinen anderen Weg, als wieder mehr Vertrauen in unabhängige Wissenschaft, verantwortliche Forschung und innovatives Unternehmertum zu setzen.