Presseinformation 32/2026
Erneuerbarer Wasserstoff: Deutschlands Förderansatz ist zu zentralistisch
- Die Fortschritte beim Aufbau einer Wasserstoffversorgung in Deutschland konzentrieren sich auf einzelne Leuchtturmprojekte in wenigen Regionen.
- Die Vorteile einer dezentralen Versorgung werden von der Förderpolitik zu wenig berücksichtigt.
- Das cep schlägt ein Förderkonzept für einen schnelleren Wasserstoffhochlauf in der Breite vor.
Berlin/Freiburg. Verzögerungen beim Aufbau einer Wasserstoffversorgung gefährden 60 Milliarden Euro an jährlicher industrieller Wertschöpfung in Deutschland. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie des Centrums für Europäische Politik (cep).
Eine ausreichende Versorgung mit erneuerbarem Wasserstoff wird in einer klimaneutralen Zukunft zum wichtigen Standortfaktor für Stahl- und Chemiecluster, aber auch für zahlreiche mittelständisch geprägte Industrieregionen. Der Wertschöpfungsbeitrag potenziell wasserstoffabhängiger Industrien betrug im Jahr 2023 deutschlandweit mindestens 60 Milliarden Euro. „Der Aufbau von Erzeugungskapazität schreitet jedoch nur langsam voran und konzentriert sich auf wenige Leuchtturmprojekte in teilweise erheblicher Entfernung zu künftigen Verbrauchszentren“, sagt cep-Ökonom André Wolf. Deutschland strebt 10 Gigawatt (GW) heimische Elektrolysekapazität bis 2030 an. Tatsächlich sind Stand Juli 2026 aber erst rund 0,2 GW in Betrieb.
Neben den fehlenden Kapazitäten verweisen die Autoren auf eine mangelnde regionale Verteilung: „Wasserstoff entsteht vielerorts nicht dort, wo Deutschlands Industrie ihn künftig braucht“, sagt cep-Energieexperte Götz Reichert. „Neue Elektrolyseprojekte konzentrieren sich stark auf wenige Regionen im Norden und Osten, während wichtige industrielle Verbrauchszentren teilweise weit entfernt liegen“.
Die langfristigen Vorteile einer dezentraleren Wasserstoffversorgung werden von Politik und Wirtschaft zu wenig berücksichtigt. Dazu gehören ein höheres Potenzial für innovationsfördernden Wettbewerb, der Erhalt industrieller Vielfalt und eine größere Resilienz gegenüber zukünftigen lokalen Versorgungsstörungen.
Durch gezielte Förderung sollte der Aufbau dezentraler Versorgungsstrukturen angeregt werden. Dazu schlagen die Autoren ein Konzept für einen beschleunigten Marktaufbau in Form einer Drei-Stufen-Förderstrategie vor. Darin übernimmt die staatliche Förderpolitik in der Anfangsphase zunächst die finanzielle Verantwortung für fehlende Marktfunktionen und überträgt sie im Zuge des Marktaufbaus schrittweise an private Akteure. Ziel ist nicht, Märkte als Lenkungsorgane zu ersetzen, sondern ihre Entwicklung zu beschleunigen. Dabei spielen wettbewerbsorientierte Instrumente wie Doppelauktionen eine Schlüsselrolle.